„Starrheit ist im innovativen Unterricht fehl am Platze.“ Was für das ICM als Ganzes gilt, gilt natürlich auch für seine einzelnen Bestandteile – sowohl für die In-Class- (Face-to-Face Session) als auch für die Out-of-Class-Phase (Pre-Session). In unserem Verständnis zeichnet sich die Out-of-Class-Phase vor allem durch drei zentrale Eigenschaften aus, die die Basis dieser Lernphase bilden, aber je nach Lehr-Lernkontext unterschiedlich gewichtet und variabel ausgestaltet werden können:

1. Sie ist einer Präsenzsitzung vorgeschaltet und eng mit ihr verzahnt
2. Sie findet online statt
3. Sie stützt sich auf multimediale Lehrmaterialien (vorzugsweise Videos)

Ziel dieser Phase ist es, dass sich die Lernenden ein gewisses Wissen, eine Methode oder eine Strategie selbständig online aneignen und zwar so, dass sie es später in einer darauffolgenden Präsenzsitzung als eine Art Rüstzeug verwenden können. Erwünschte Effekte sind dabei die Flexibilisierung und Individualisierung des Lernprozesses sowie ein verstärktes Bewusstsein für den eigenen Lernfortschritt. Wie das übergeordnete Ziel „das online Erlernte als Rüstzeug in der Präsenz verwenden zu können“ im Einzelfall aussieht, und wie dieses mithilfe der Online-Phase konkret vorbereitet werden kann, ist natürlich abhängig von der jeweiligen Lehrveranstaltung, den Ansprüchen des Fachs sowie der Erwartungshaltung von Lehrenden und Studierenden. Daher ist es wichtig, sich vor der Planung der Out-of-Class-Phase bewusst zu machen, was die generellen Ziele meiner Lehrveranstaltung sind, wie diese schrittweise in den Präsenzsitzungen verfolgt werden sollen, und welche Verbindung zwischen In- und Out-of-Class-Phase nötig ist, um ein möglichst sinnstiftendes Lernen zu ermöglichen.

Schritt 1: Welchen Zweck soll die Out-of-Class-Phase in meiner Lehrveranstaltung erfüllen?

Wenn ich als Lehrende/r bspw. von Teilnehmern/Innen eines Sprachkurses erwarte, dass sie sich in der Präsenzsitzung über ein bestimmtes Grammatikphänomen austauschen und dieses anwenden, sollte möglichst im Vorfeld sichergestellt sein, dass die Studierenden dieses Phänomen zumindest in seinen Grundzügen kennengelernt haben. Wenn ich andererseits den Studierenden in einer Veranstaltung zur Statistik die Anwendung eines bestimmten statistischen Verfahrens nahebringen möchte, kann es sinnvoll sein, bereits online ein paar methodische Hinweise auszuführen. Wenn ich wiederum in einer geisteswissenschaftlichen Veranstaltung gemeinsam mit den Studierenden einen Text interpretieren und über diesen tiefergehend diskutieren möchte, müssen sich die Studierenden natürlicherweise bereits vorher mit den Inhalten und dem Kontext des Textes auseinandergesetzt haben, was durch kontextuelle oder fachspezifische methodische Informationen online unterstützt werden kann. Wenn ich wiederum vorhabe, mit Studierenden der Mathematik in der Präsenz eine komplexe Mathematikaufgabe zu lösen und ich gewisse Vorkenntnisse voraussetzen kann, möchte ich ggf. vorher gar nicht allzu viele Informationen geben, sondern die Studierenden bloß mit ein paar Beispielen oder theoretischen Denkanstößen dazu motivieren, sich in der Präsenz schließlich selbst Lösungswege zu erschließen.
Das heißt, je nach Fachbereich, Lehrformat und Aufgabenstellung werden unterschiedliche Anforderungen an die Out-of-Class-Phase gestellt. Wo es in dem einen Fall sinnvoll sein kann, online Grundlagenwissen zu vermitteln, das in der Präsenz erweitert und vertieft wird, kann es in einem anderen Fall wichtiger sein, eine Methode zu erklären oder nur einen Denkanstoß zu geben statt wirkliches Inhaltswissen zu vermitteln. Es kommt schlicht auf die Zielsetzung an.

Schritt 2: Welches Lehrmaterial passt zur Zielsetzung meiner Lehrveranstaltung?

Dasselbe gilt natürlich auch für die Art des Materials. Sobald ich die Ziele für mich formuliert habe, kann ich mir Gedanken machen, welches Online-Material am besten geeignet sein könnte (Text, Video, Audio, Bildmaterial, etc.), wie ich dieses übersichtlich strukturieren und wie ich es ggf. durch zusätzliche Online-Tools (Forum, Quiz, Wiki etc.) sinnvoll ergänzen kann.
Wichtig: Es muss nicht immer gleich eine radikale Veränderung sein – Nur weil ich meinen Unterricht umdrehe, muss ich ihn nicht gleich komplett auf den Kopf stellen! Denn schließlich sind wir alle Gewohnheitstiere und zu viel Veränderung schreit zunächst nach einem Bruch mit Altbewährtem, der Aufgabe von Sicherheit und dem Eintritt in die Ungewissheit. Da ist es doch klar, dass Lehrende mit langjähriger Lehrerfahrung und Studierende mit ihren gewachsenen Lerngewohnheiten einem deutlichen Eingriff in die Lehr-Lernkultur häufig ein wenig skeptisch gegenüber stehen. So gibt es viele Lehrende, die zwar grundsätzlich interessiert sind an online-gestützten Lehrkonzepten, aber fürchten, sich selbst oder auch die Studierenden mit den damit verbundenen technischen Anforderungen zu überfordern – vor allem wenn es um die Erstellung von Lehrvideos geht – und sich bspw. folgende Fragen stellen:

Wie kann ich eine Online Lernphase möglichst anregend und lernfördernd gestalten, ohne mich selbst und die Studierenden direkt mit einem Überangebot an multimedialem Material und innovativen Lehrmethoden zu überfordern? Wie erstelle ich sinnvollen, hilfreichen Online-Content, ohne ein Technik-Profi zu sein und wie befähige ich die Studierenden dazu, sich selbstständig, sicher und lernförderlich in einer Online-Lernumgebung zu bewegen?

Fragen dieser Art sind die Quintessenz aus Beratungsgesprächen, die wir mit Lehrenden erlebt haben und zeigen, dass Interesse an innovativen Lehrkonzepten besteht, aber die konkrete Umsetzung der Online-Lehrinhalte häufig als aufwendige Hürde gesehen wird. Deshalb sprechen wir uns dafür aus, die Hürde anfangs möglichst niedrig zu halten, denn es muss nicht immer die High-End-Version sein und nicht alles Altbewährte muss durch Neues ersetzt werden. – Wo vorher die Textlektüre didaktisch sinnvoll war, ist sie im Inverted Classroom-Szenario nicht plötzlich obsolet, sondern kann immer noch genauso gewinnbringend sein.

Schritt 3: Wie gestalte ich die Online-Inhalte und welchen Stellenwert soll das Lehrvideo haben?

Ohne Zweifel ist das Lehrvideo meist das Kernstück der Out-of-Class-Phase im Inverted Classroom, doch muss es weder dominieren, noch muss es hochprofessionell sein. Genauso kann es durch herkömmliche Lehrmaterialien wie Texte, Bilder, etc. begleitet werden, um den Umgang mit unterschiedlichen Medien zu befördern. Es ist schlicht ein willkommenes Hilfsmittel, das durch seine Multimedialität viele Möglichkeiten bietet, komplexe Inhalte anschaulich darzustellen und in gewisser Weise mit den Lernenden zu interagieren. Im besten Fall motiviert es die Studierenden durch abwechslungsreiche Darstellungsformen zum Lernen und eröffnet auch den Lehrenden selbst einen neuen Umgang mit vertrauten Lehrinhalten. Dabei geht es nicht darum, ein perfektes Produkt zu erstellen, sondern bloß darum, die vielfältigen Möglichkeiten zu nutzen, die Lehrenden im digitalen Lehr-Lernraum zur Verfügung stehen.

Wie ein solches Lehrvideo dann gestaltet wird – ob nun in Form eines Vorlesungsmitschnittes, einer vertonten PowerPoint-Präsentation oder auch einer aufwendigen Greenscreen-Aufnahme– liegt schließlich in der Hand jedes Lehrenden selbst. Verfüge ich bereits über gutes Vorlesungsmaterial, das ich für kürzere Videosequenzen wieder verwenden kann? Ist es mir wichtig, im Video zu sehen zu sein? Möchte ich das Video-Material auch später noch weiter verwenden, sodass ich eine besonders hohe Qualität anstrebe? Gibt es für meinen Themenbereich womöglich bereits geeignete Lehrvideos online, die ich für meine Lehrveranstaltung verwenden kann (Stichwort: Open Educational Resources)? Dies sind Fragen, die jeder Lehrende für sich selbst beantworten muss. – Wichtig ist bloß, dass das Lehrvideo ausgerichtet ist auf die jeweilige Zielgruppe sowie das jeweilige Lernziel und dass es auch tatsächlich einen Mehrwert gegenüber herkömmlichen Medien bringt. Nicht jeder beliebige Lehrinhalt eignet sich, um in einem Video dargestellt zu werden und nicht jeder Studierende lernt bevorzugt per Video. Zudem hält das Internet bereits eine Masse an Videomaterial bereit, das ich (natürlich nach Prüfung auf Wissenschaftlichkeit und Nutzen/Eignung für mein spezifisches Lehrvorhaben) ggf. einsetzen und damit meinen eigenen Arbeitsaufwand etwas reudzieren kann.

Die Devise lautet also: Der Mix macht’s. Und: Es muss nicht immer perfekt sein. Vor allem übersichtlich, motivierend und lernfördernd soll das Online-Material in einem IC sein. Bei den Lehrvideos darf es frei nach dem Leitspruch von A. Sams „Do I need it perfect or do I need it by Thursday?“ auch ruhig mal die “quick and dirty”-Variante sein. Schließlich haben wir doch alle schon einmal erlebt, wie die Inhalte des Nachrichtensprechers an uns vorbeirauschen, während wir seinen wohl gewählten und akkurat ausgesprochenen Worten lauschen, die perfekt untermalt werden durch entsprechenden Bilder und Graphiken, und wie wir plötzlich aufhorchen, wenn auch dem akkuraten Sprecher einmal ein falsches Wort herausrutscht oder eine Panne passiert. Fehler und Nicht-Perfektion fördernd die Identifikation und geben Raum für eine Denkpause.

Besonders die Denkpausen (und – anstöße) in den Lehrvideos sind wichtig. Denn wem bringt es etwas, wenn man sich in zurückgelehnter Haltung mehrere Minuten ein Video anschaut, dessen Inhalte nur so an einem vorbeirauschen und alles viel zu schnell geht, als dass man die gegebenen Informationen wirklich verarbeiten könnte? Nur durch gezielte Aha-Momente (etwa durch Rückfragen, Knobelaufgaben oder kurze Denkpausen im Video) kann ein Lehrvideo seine ganze Kraft entfalten. Den Studierenden muss bewusst sein, dass ein Lehrvideo ein gleichwertiges Lernmedium ist wie etwa ein Text und die volle Aufmerksamkeit verlangt. Dies kann unterstützt werden, indem ich als Lehrende/r mein Lehrvideo mithilfe von zusätzlichen Tools oder Online-Materialien einrahme und so verhindere, dass die Inhalte meines Lehrvideos am Lernenden vorbeirauschen. Dafür bieten sich bspw. begleitende Arbeitsblätter mit Fragen zum Lehrvideo oder integrierte Quizfragen an, die zum Nachdenken anregen und die Grundlage für Übungen, Diskussionen etc. in der Präsenz legen. Letztlich muss für die Studierenden klar sein, was es ihnen für die wertvolle Präsenzzeit bringt, sich vorab ein Lehrvideo anzuschauen und begleitende Lehrmaterialien tatsächlich durchzuarbeiten.

Das heißt auch hier ist der entscheidende Punkt die Verzahnung und Wechselwirkung von Online- und Präsenzzeit.

In unserem Blog finden Sie Beiträge zu diesen Kategorien:
Aktuelle Beiträge in unserem Blog:

Möchten Sie Teil des ICM-Net[t]working werden und eine Benachrichtigung bei neuen Beiträgen erhalten? Tragen Sie sich in unsere Mailing-Liste ein!

Name *

Email *