„Vergolde Deine Präsenz“

Die Präsenzlehre „vergolden“ –  das ist die eigentliche Idee hinter dem Inverted Classroom. Entgegen der recht verbreiteten Befürchtung, dass eLearning die Präsenzlehre in Universität und Schule abschafft, verstehen wir (und viele andere) eLearning als gewinnbringendes Instrument, um gerade den Unterricht vor Ort weiterzuentwickeln.  Im idealtypischen Sinne des Inverted Classrooms soll durch die Auslagerung von Grundlagenwissen in die out-of-class-Phase mehr Raum für Diskussion, Anwendung und Vertiefung des Lernstoffes in der Präsenzveranstaltung (In-Class) entstehen. Wer sich beispielsweise wünscht, mit seinen Studierenden/SchülerInnen mehr ins Gespräch zu kommen, nicht nur an der Oberfläche eines Themenbereichs zu bleiben oder mehr anwendungsorientiert zu arbeiten, sollte in Erwägung ziehen, seine Lehre (oder einzelne Sitzungen) umzudrehen.

Die Reflexion der eigenen (Präsenz)Lehre bildet den Ausgangpunkt für die Einführung und letztlich auch für die konkrete Ausgestaltung des jeweiligen Inverted Classroom Szenarios. Richtungsweisende Fragen, die Einfluss auf die Entscheidung für oder auch gegen ein umgedrehtes Lehrkonzept bzw. auf seine Gestaltungsprinzipien haben können, zeigen sich mit Blick auf den Status Quo sowie mit Blick auf die mögliche Veränderung der eigenen Lehre:

Der Blick auf den Status Quo

Die Unzufriedenheit ist der erste Schritt zum Fortschritt. (Oscar Wilde)

Wie zufrieden bin ich als Lehrende/r selbst mit meiner eigenen Lehre? Wie zufrieden sind die Lernenden mit meiner Lehre? Was sind die Gründe für die (Un)Zufriedenheit?

Beklage nicht, was nicht zu ändern ist, aber ändere, was zu beklagen ist. (William Shakespeare)

In welchen Punkten hakt es in meinem Unterricht? Wo sehe ich und/oder meine Studierenden/SchülerInnen Verbesserungspotenzial in meiner bisherigen Lehre?

Mögliche Quellen von Unzufriedenheit seitens des/der Lehrenden können beispielsweise Schwierigkeiten in der Aktivierung der Lernenden sein: Gähnende Leere in den Sitzreihen des Hörsaals, peinliche Stille bei Fragen ins Plenum, zahlreiche Fragen zur Klausur, wenig inhaltlicher Austausch. Der Wunsch nach einer Veränderung kann auch darin begründet liegen, mehr über die Lernenden, ihre Lernfortschritte und -schwierigkeiten zu erfahren und nicht nur einer „grauen, anonymen Masse“ gegenüberzustehen. Auch die Ungewissheit darüber, inwieweit das Gelehrte tatsächlich bei den Lernenden angekommen ist und verarbeitet wird, kann den Wunsch nach Veränderung der bisherigen Lehrpraxis anstoßen.

Evaluiert man seinen Unterricht regelmäßig, können die Evaluationsergebnisse Punkte aufzeigen, an denen die ein oder andere Stellschraube neu justiert werden könnte. Gleiches gilt selbstredend für Klausur- oder andere Prüfungsergebnisse. Sie können Aufschluss darüber geben, an welcher Stelle Lernschwierigkeiten oder Missverständnisse letztlich nicht behoben werden konnten.

Nicht zuletzt wirken auch die dynamischen Veränderungen in unserer heutigen Lebens- und Arbeitswelt auf die Lehre im Hörsaal und Seminarraum. In Folge des Bologna-Prozesses erhält das Konzept der Employability verstärkt Einzug in den Diskurs um „gute“ Lehre. HochschulabsolventInnen sollen beschäftigungsfähig „gemacht werden“. Damit tritt die reine Wissensvermittlung ein Stück zurück, während disziplinenübergreifende Kompetenzen (Selbstmanagement und -steuerung, Soziale Kompetenzen, Medienkompetenz etc.) an Bedeutung gewinnen. Die konkrete Umsetzung dieses Anspruches liegt letztlich aber doch bei den einzelnen Lehrenden. Ihr Bedürfnis, Lernenden mehr als reine Wissensvermittlung zu bieten (z. B. zusätzliche Erfahrungen in Moderation, Kooperation, Präsentation, Projektarbeit o.ä.), kann Initialzündung für Veränderungen in der eigenen Lehre – womöglich in Richtung eines Inverted Classrooms- sein.

Veränderung der eigenen Lehre

Neugier und magnetische Ziele: zwei kraftspendende Motivatoren. (Alfred Selacher)

Was möchte ich mit einer Veränderung meines Lehrkonzeptes erreichen? Habe ich Lust und bin ich bereit, etwas Neues in meiner Lehre auszuprobieren?

Nachdem ich Schwierigkeiten und Verbesserungspotenzial meiner Lehre erkannt habe, sollte im Umkehrschluss formuliert werden, was die Ziele sind, die ich mit einer Veränderung meiner Lehre erreichen möchte? Eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema, Methoden und/oder Fallbeispielen? Ein Mehr an Aktivität, Partizipation, Diskussion, Austausch, Kooperation und/oder Praxis? Eng verbunden mit diesen Zielen für die konkrete Lehrveranstaltung sind die Lernziele, die die Lernenden am Ende einer Lehrveranstaltung erreicht haben sollten. Sie sind im besten Fall bei der Planung einer Lehrveranstaltung sorgsam formuliert worden. Aus ihnen sollte idealerweise abgeleitet werden, welche Lehr-Lernmethoden es bedarf, um die Lernziele zu erreichen (siehe hierzu auch in unserer Dokumentation zum Net[t]working-Treffen im Februar 18).

Fast immer gibt es eine Möglichkeit, etwas scheinbar Unmögliches möglich zu machen (Lilli U. Kreßner).

Welche Möglichkeiten habe ich, um meine Lehre zu verändern? Welche Möglichkeiten gibt es, meinen Unterricht didaktisch weiterzuentwickeln? Wie kann ich Lernende in ihrem Lernprozess sinnvoll unterstützen? Welche Hilfestellungen und Unterstützungsmöglichkeiten von institutioneller Seite und von anderen Lehrenden können mir bei meiner Unterrichtsentwicklung zugute kommen?

Neugier, Mut und Risiko gehören einfach dazu, ohne dem wird Veränderung schwierig. Es ist die Frage, ob man sich auf etwas Neues und ein stückweit Unbekanntes in der eigenen Lehre einlassen möchte. Aber warum nicht einfach mal ausprobieren? Vielleicht erstmal nur eine einzelne Sitzung umdrehen?

Einher mit der Umdrehung des eigenen Unterrichts geht auch die Veränderung der eigenen Lehrrolle. Diese Veränderung ist insbesondere dann weitreichend, wenn von einem reinen Frontalunterricht auf einen Inverted Classroom umgestellt wird.  Zumeist -so ist es unsere Erfahrung- testen Lehrende gerne zunächst einzelne Elemente der Inverted Classroom-Idee aus (bspw. Bereitstellung einzelner Videos, den Einsatz von Votingtools oder Kleingruppenprojekte in der Präsenz), bevor sie schrittweise womöglich auf’s Ganze gehen. Beim Umgang mit der veränderten Lehrrolle sowie bei der Konzeption und Umsetzung sowohl der Out-of-class als auch der In-Class-Phase hilft es, auf Erfahrungswerte und Unterstützung aus dem Kollegium und der Verwaltung zurückzugreifen. Warum Fehler machen, die andere schon gemacht haben? Warum nach Tools suchen, wenn andere ein entsprechendes Tool bereits erfolgreich einsetzen? Bei uns an der Ruhr-Uni erhalten Sie von uns, dem RUBeL-Team, sowie dem Hochschuldidaktik-Team unseres gemeinsamen Zentrums für Wissenschaftsdidaktik (www.zfw.rub.de) Unterstützung in Ihrem Vorhaben, Ihre Lehre an der RUB weiterzuentwickeln. Mit unserem Net[t]working stehen nicht nur RUB-Lehrenden sondern auch Externen stets die Türen offen, mit uns und anderen Interessierten über Themen rund um Inverted Classroom(-ähnliche)-Konzepte ins Gespräch zu kommen und daraus Ideen für die eigene Lehre mitzunehmen.

Und was mache ich jetzt konkret in der Präsenzphase?

Wie die In-Class-Phase eines Inverted Classrooms genau ausgestaltet ist lässt sich pauschal nicht beantworten, sind die Ansprüche und Bedingungen doch von Fach zu Fach, Thema zu Thema, Studierenden zu Studierenden und Lehrenden zu Lehrenden unterschiedlich. Aus den vorausgegangenen Überlegungen können wir exemplarisch drei Kernaspekte der Gestaltung ableiten, die die meisten Inverted Classroom(-ähnlichen)-Szenarios in ihren Präsenzphasen gemein haben und auch unserer Meinung nach die In-Class-Phase im ICM ausmachen: Aktivität, Kommunikation, Vertiefung/Anwendung. Diese Kernaspekte können auf verschiedenen Wegen realisiert werden. Die nachfolgende Abbildung hält einige Ideen bereit.

 

Wie gestalten Sie Ihre In-Class-Phasen? Welche anderen/zusätzlichen Aspekte sind Ihrer Meinung nach zentral und sollten in der In-Class-Phase verfolgt werden? Teilen Sie gerne Ihre Erfahrungen mit uns!

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