Blended Learning ist in Uni und Schule längst kein Fremdwort mehr. Auch das Inverted Classroom Modell (ICM) gewinnt in den letzten Jahren an Bedeutung, wenn es darum geht, Unterricht neuzudenken.  In seiner Reinform ist das Inverted Classroom Modell ein Lehrmodell, das auf der Idee basiert, die grundlegenden Aktivitäten der klassischen Vorlesung „umzudrehen“. In traditionellen Lehrkonzepten erfolgt der inhaltliche Input durch die Lehrenden vor einer  Gruppe von Studierenden im Hörsaal bzw. von SchülerInnen im Klassenzimmer (In-class ), während weiterführende Aufgaben meist zu Hause in Einzelarbeit (Out-of-Class) bearbeitet werden. Im idealtypischen Inverted Classroom (im Schulkontext flipped classroom genannt) hingegen erfolgt die rein inhaltliche Wissensvermittlung durch multimediales Online-Material, sodass die eigentliche Präsenzveranstaltung für die gemeinsame, vertiefende Auseinandersetzung mit dem Gelernten genutzt werden kann.

ICM- Das grundlegende Konzept in aller Kürze.

Flexibles Konzeptverständnis

Das Inverted Classroom-Konzept verstehen wir als Inspiration für die Weiterentwicklung von Lehre in Uni und Schule. Starrheit ist im innovativen Unterricht fehl am Platze. In den letzten Jahren gerät daher auch eine starre Interpretation des ICM in die Kritik von DidaktikerInnen (allen voran durch Pamela Bernett):

We need a new instructional model to replace the lecture-only format, but let’s not simply replace one rigid approach with another. […] Words matter. If we enact truly flipped or reversed classrooms, we have missed an opportunity. I think it is time to update our vocabulary, guiding the dominant conceptualization toward a more nuanced practice for the good of our students.

– Pamela E. Barnett (2014): Let’s Scramble, Not Flip, the Classroom 

Barnett bevorzugt den Begriff Scrambled Learning, der insbesondere auf eine Methodenvielfalt abzielt und kurze Vortragssequenzen in der Lehre nicht per se „verteufelt“.

Angelehnt an diese und andere Ausführungen von Barnett und weiteren DidaktikerInnnen finden auch wir es sinnvoll, das ICM als flexiblen Rahmen für neue Ideen und Anregungen im Unterricht zu verstehen. So unterschiedlich Lehrende, Studierende und SchülerInnen, Inhalte und Rahmenbedingungen in Unis und Schulen sind, so unterschiedlich kann und sollte auch innovativer Unterricht sein. Trotzdem: Ohne gewisse -wenn auch flexible- Grenzen ist es schwierig, konkret über innovative Lehre zu sprechen. Das ICM dient in unserer Arbeit wie auch in diesem Blog also als Bezugsfolie, um mit Interessierten in den Austausch über innovatives Lehren und Lernen zu kommen. Als verbindende Schlüsselelemente, die die so entstehenden vielfältigen Unterrichtskonzepte gemein haben, sehen wir die enge Verzahnung von Online- und Präsenzlehredie gezielte Förderung der Interaktionen zwischen Studierenden untereinander und mit den Lehrenden, und den Einsatz multimedialer Materialien an.

Finden Sie andere Schlüsselelemente bei Inverted Classroom-Modellen bedeutender? Teilen Sie Ihre Überlegungen doch mit uns!

Schlüsselelemente: Verzahnung von Online und Präsenz, Interaktion und multimediales Lehren und Lernen

Trotz oder eben gerade wegen der Vielfältigkeit von Lehr-Lernarrangements, die in unserem flexiblen Konzeptverständnis unter dem Sammelbegriff Inverted Classroom Modelle zusammengefasst werden können, braucht es doch ein paar verbindende Schlüsselelemente. Um sich nicht zu weit vom grundlegenden Konzept ICM zu entfernen und so über "alles und nichts" zu sprechen, darf es unseres Erachtens nicht fehlen an...:

Verzahnung
Online-Lehre ist keine Konkurrenz zur Präsenz: Der Mix macht’s!

Das wohl typischste Element eines Inverted Classrooms ist die enge Verzahnung von Online- und Präsenz. Daran möchten auch wir nicht rütteln: Wir denken digitales Lehren und Lernen nicht als Konkurrenz zur Präsenz oder getrennt voneinander, sondern vielmehr als ideale Möglichkeit, den analogen Unterricht „zu vergolden“. Anders als beim blended learning, bei welchem Online- und Präsenzphasen sich eher lose abwechseln, greifen Online- und Face-to-Face-Phasen in unserem Verständnis eines umgedrehten Unterrichts ineinander. Die Online-Phase bildet den Ausgangspunkt für die Face-to-Face-Phase, sei es durch die Vermittlung grundlegender Inhalte oder durch die Iniitierung explorativen Lernverhaltens (z. B. durch problemorientierte Aufgaben). Inhalte, Fragen, Probleme, die online behandelt werden, sollten im Präsenzunterricht aufgegriffen, diskutiert, angewendet und vertieft werden (und ggf. auch umgekehrt). Wie das aussehen soll? Christian Spannagel schlägt beispielsweise den Einsatz von Arbeitsblättern vor, auf denen Studierende/SchülerInnen Fragen zum Online-Material beantworten und sich Notizen (z. B. zu Verständnisproblemen) machen. Die von den Lernenden ausgefüllten Arbeitsblätter können im Face-to-Face-Unterricht dann gemeinsam besprochen und diskutiert werden. Beantworten die Lernenden Fragen zu out-of-class-Materialien bereits online, kann der/die Lehrende schon vor der Präsenzsitzung Verständnisschwierigkeiten aufdecken und die Unterrichtsgestaltung entsprechend anpassen.

Die Möglichkeiten einer Verzahnung zwischen Online- und Präsenzphasen sind schier unbegrenzt. Lassen Sie Ihrer Kreativität also freien Lauf –  Ihre didaktischen Ziele natürlich immer im Hinterkopf! Wie schaffen Sie es, dass Online- und Präsenzunterricht ineinandergreifen? Wir sind gespannt auf Ihre Ideen!

Interaktion
Wir müssen reden…!

Die Förderung von Interaktionen in Lehr-Lernprozessen sollte beim umgedrehten Unterricht ein zentrales Anliegen sein. Der Austausch über Themen, Meinungen, Ansichten, Ideen, Verständnisschwierigkeiten oder Problemaufrisse mit anderen Lernenden und Lehrenden fördert das individuelle Lernen und ermöglicht das Erschließen von Inhalten und Konzepten in einer Weise, die sich in Einzelarbeit womöglich gar nicht hätte entwickeln können.  Sowohl online als auch face-to-face sind daher Interaktionen zwischen Studierenden und SchülerInnen untereinander als auch mit den Lehrenden auf den Weg zu bringen. Gelegenheiten zum Austausch, Diskutieren und Fragenstellen sind im Klassenzimmer bzw. Hörsaal sowie in Moodle, Ilias und Co. ausreichend zu schaffen. Herausfordernde Aufgabe der Lehrenden ist es, die Interaktionen entsprechend zu strukturieren und zu moderieren, um sie voranzutreiben und effektiv zu gestalten.

Kommunikation ist alles, auch hier in unserem Blog: Wie schaffen Sie eine offene, lösungsorientierte Kommunikation und enstprechende Kultur in Ihrer Lehrverstaltung?

Multimedia
Das macht Sinn!

Multimediales Lehren und Lernen ist für uns ein drittes Schlüsselelement für Inverted Classroom Modelle. Werden mehrerer unsere Sinne angemessen durch Lernmaterial angesprochen, behalten wir die Inhalte besser. Videos sind daher nicht nur ein Zeichen unserer heutigen Zeit (was sich beispielsweise an der gigantischen youtube-Kultur zeigt), sondern bieten -gut eingesetzt- tatsächlich auch besondere Lerngelegenheiten. Aber nicht nur für die Lernenden, sondern auch für die Lehrenden ergeben sich Vorteile durch den Einsatz von Videos und anderer multimedialer Materialien in der schulischen wie universitären Lehre. Die Auslagerung grundlegender Inhalte in die Online-Phase, um mehr Zeit für anwendungsorientierten Unterricht in der Präsenz zu schaffen, oder die vertiefte Auseinandersetzung und Reflexion der eigenen didaktischen Aufbereitung von Inhalten sind hier beispielhaft zu nennen.

Multimedia muss aber nicht immer und unbedingt in Video-Form daher kommen. Neben Videos können ebenso Audio-, Bild- oder Textdateien so miteinander kombiniert, aufeinander abgestimmt und entsprechend strukturiert werden, dass der/die Lernende in der Selbstlernphase gut unterstützt wird.

Welche Vorteile sehen Sie beim multimedialen Lehren und Lernen, z. B. in Form von Videos? Haben Sie in Ihrem Unterricht schon mit einem Video gearbeitet? Welche anderen Medien nutzen Sie in Ihrer Lehre und warum? Und ist für Sie das Video-Format ein unverzichtbares Element für Inverted Classroom Modelle?  

Didaktische Überlegungen

Soweit so gut. Aber wie anfangen, die eigene Lehre neuzudenken? Damit die Idee einer verzahnten, interaktiven, multimedial gestützten Lehre aufgeht, bedarf es einiger didaktischer Vorüberlegungen: Ist ein Inverted Classroom überhaupt etwas für meine Lehre? Wofür und wie sollte ich meinen Unterricht flippen, scramblen, weiterentwickeln?

  • Lieber wohl überlegt als über’s Knie gebrochen:

Was wünsche ich mir für das Lernen und Lehren in meinem Unterricht? Was fehlt mir ggf. in meiner bisherigen Lehre und (wie) kann ein Inverted Classroom dazu beitragen, meine Lehre zu verbessern? Welche Lernziele möchte ich in meiner Veranstaltung verfolgen und welche Kompetenzen sollen die Lernenden erwerben? Ist ein Inverted Classroom (ähnliches) Modell überhaupt etwas für mich bzw. meinen Unterricht? Fühle ich mich wohl damit? 

  • Wen interessiert’s (und betrifft’s direkt):

Wer sind die Lernenden (StudienanfängerInnen? Studierende/ SchülerInnen mit unterschiedlichen Vorkenntnissen? etc.)? Welche speziellen Bedürfnisse bringen die Lernenden mit und wie kann ich sie in meinem Unterricht berücksichtigen?

  • Direkt auf’s Ganze oder zunächst austesten:

Drehe ich direkt meine komplette Lehrveranstaltung um? Oder nehme ich erst mal nur eine einzelne Sitzung raus, die ich versuchsweise verändere? 

  • Das Rad muss nicht, kann aber neu erfunden werden:

Welche Online-Materialien nutze ich? Greife ich auf Open Educational Ressources zu? Welche Anforderungen stelle ich an das Material und wo finde ich es? Oder fertige ich doch selbst Lehrvideos und anderes Material an und wenn ja, wie mache ich das am besten?

  • Mittendrin statt nur dabei:

Wie aktiviere ich meine Studierenden/SchülerInnen, sodass sie sich nicht nur einfach berieseln lassen? Welche Tools kann ich dafür nutzen? Wie kann ich auch online Interaktionen fördern?

  • Face-to-Face:

Was möchte ich in der Präsenzphase erreichen? Welche Methoden bieten sich im Rahmen meiner Lehrveranstaltung in-class an, damit die Lernziele erreicht werden? 

  • Die Gretchenfrage:

Was ist meine Rolle als Lehrende/r ? Und wie finde ich mich in diese Rolle ein?

  • Auf Herz und Nieren prüfen:

Wie kann ich den Lernprozess der Studierenden und meine Lehrveranstaltung sinnvoll begleiten und evaluieren?

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